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Etappe 9: Von Berlin nach Elsterwerda
Boxenstopp beim Pfiffikus in
Berlin und wie man auf der vergeblichen Suche nach Görlitz urplötzlich mitten in
ein brandenburgisches Karibikfest gerät...
Bereits am fünften Tag unserer Reise war klar, dass unsere
Reifen die gesamte Strecke nicht schaffen würden. Deshalb hatten wir schon
frühzeitig über Fred in Berlin einen Reifenwechsel vereinbart - dieser fand dann
heute in Carlo's Motorradwerkstatt "Pfiffikus" im Berliner Stadtteil Tegel
statt. Gut, preiswert und schnell. Als ich die K 1200 GT gekauft hatte, war sie
mit Michelin-Reifen bestückt; jetzt ließ ich mir meine Favoriten, die Metzeler
Roadtec Z6, aufziehen. Ich bin - auch jetzt nach Rückkehr von der gesamten Reise
- mehr als zufrieden damit.
Gegen Mittag fuhren wir dann in Berlin los. Geplant war
ursprünglich, Görlitz anzufahren - aber wir sollten es nicht erreichen. Weder
heute, noch morgen. Was passierte, war schon irgendwie ein wenig unheimlich oder
von der Vorsehung bestimmt, denn in der Nacht zuvor träumte ich von einem
Motorradunfall in Görlitz...
Größere Kartenansicht
Wir verließen Berlin jedenfalls in südöstlicher Richtung.
Das neue Navigationsgerät hatte ich noch im Koffer und ich orientierte mich an
Hand meiner Karte. Kurz nach Berlin gerieten wir in eine Großbaustelle mit einer
komplizierten Umleitung durch mehrere Städte und Dörfer, der wir folgen mußten.
Plötzlich hörte die Umleitung aber "mitten im Nichts" auf; d.h. es kamen keine
Schilder mehr.
An statt mich an Hand der Karte neu zu orientieren oder
mich an das Navi im Koffer zu erinnern, folgte ich einfach der Landstraße im
Glauben, dass wir schon richtig seien. Vielleicht war es die Hitze oder der
Streß, der mich so naiv gemacht hatte. Jedenfalls kam mir erst drei Stunden
später etwas völlig unplausibel vor: Die Sonne fing an, mir ins Gesicht zu
scheinen. Ein untrügliches Zeichen, dass wir uns westwärts oder zumindest
südwestwärts bewegten, auf jeden Fall aber völlig falsch. Bis dass ich dies
kapiert hatte, vergingen aber noch einige Kilometer.
Völlig überrascht hielt ich dann aber mal an und checkte
zum ersten mal unsere Position - wir waren fast 75 Kilometer vom eigentlichen
Kurs abgekommen. Es war wieder sehr heiß an diesem Tag und ein Umdrehen und
Weiterfahren nach Görlitz hätte damit ca. 170 Kilometer zusätzlich erfordert.
Das weckte Erinnerungen an unsere Kiel-Etappe und wir beschlossen daher, erstmal
nur wieder in die grobe Richtung Görlitz zu fahren und unterwegs irgendwo zu
übernachten, um dann halt einen Tag später in Görlitz einzutreffen.
Dieses Irgendwo war dann schließlich die kleine Stadt
Elsterwerda, nah am Grenzgebiet von Brandenburg und Sachsen. Im Gegensatz zu
Kiel hat Elsterwerda keinen Hafen, also vermutlich auch kein Hafenfest und so
fanden wir ziemlich schnell am Marktplatz ein preiswertes Hotel.
Am Abend fand dann auf dem Marktplatz natürlich auch kein
Hafenfest, aber es fand, zu unserer Überraschung, das jährliche Karibikfest
statt, welches wir uns dann auch noch angeschaut haben. Das war für uns alles
irgendwie so irreal - ein Karibikfest im tiefsten Ostdeutschland auf einem
Marktplatz...
Man hatte den gesamten Platz mit Sand aufgefüllt, ein paar
Schlauchboote aufgeblasen und Buden für Cocktails aufgestellt. Gegen 20 Uhr
trudelte so langsam die Bevölkerung ein. Einige hatten versucht, sich karibisch
herzurichten - was immer sie auch darunter verstanden haben. Der gewichtige
Dorf-DJ stand allerdings völlig unkaribisch im Blaumann (Arbeitsanzug) an seinem
Mischpult.
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Wie gesagt, alles etwas unwirklich, aber die Cocktails
waren gut und preiswert.
Irgendwie wollte karibische Stimmung bei den Besuchern
aber nicht so Recht aufkommen. Etwas lockerer wurden die meisten (männlichen)
Besucher erst, als das Highlight der Nacht angekündigt wurde: Eine Dessous- und
Bademodenschau junger Mädchen. Im weiteren Verlauf schloß der DJ dann leicht
frustriert das Kapitel karibische Musik ab und ging nahtlos ins deutsche
Ballermann-Genre über. Das zeigte Wirkung, das Publikum taute merklich auf -
time to say good-bye für uns. Wir spazierten stattdessen noch mal durch's
Städtchen, um herauszufinden, ob Elsterwerda auch noch mehr zu bieten hat.
Eine Stunde später, als wir wieder zurückgingen, weil sich
unser Hotel ja auch am Marktplatz befand, waren wir dann aber doch ziemlich
überrascht: Ballermann war auch schon vorbei, inzwischen wurde härtere Musik
gespielt und das Publikum änderte sich deutlich: Mehr und mehr glatzköpfig
Rasierte in schwarzer Kleidung tauchten auf. Offenbar kam den Ordnungsbehörden
dies auch etwas merkwürdig vor, denn wir sahen - in einer Seitenstraße versteckt
- schon die ersten Polizisten Stellung beziehen. Spätestens jetzt war es dann
aber endgültig Zeit für uns, diese Veranstaltung zu verlassen.
Fairerweise sollte man aber vermuten, dass Elsterwerda
gewiß noch mehr zu bieten hat, als ein karibisches Fest mit merkwürdigem
Ausgang...
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Texte: Ralf Voigt - Fotos: Helene
Voigt, Ralf Voigt
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