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Etappe 2: Von Papenburg nach Wittmund
Weniger ist Meer, ein
Bundespräsident, der umgebettet werden muss und das Ostfriesen-Abitur...
Der zweite Tag unserer Deutschlandtour begann
schon recht zeitig, denn wir wollten von Papenburg weiter in Richtung Norden und dann die Küste bis nach Wittmund entlangfahren.
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Bevor wir uns jedoch auf den Weg machen konnten,
verweigerte der Spanngurt für die Reisetasche auf dem Gepäckträger seinen
Dienst. Das Gute am Norden: In fast jedem Geschäft gibt es maritimes Zubehör,
also auch Segelschnüre. Gesagt getan, ab Norddeutschland veranstalteten wir
jeden Morgen ein seemännisches Verknoten unseres Gepäcks. Im weiteren Verlauf
der Reise war ich deshalb drauf und dran, meine ablehnende Einstellung gegenüber einem Topcase zu revidieren.
Jedenfalls kamen wir nach einigen Kilometern
tatsächlich an der Küste an - aber das Meer war weg. Weit und breit nix; nur ein
paar Pfützen und Wattwanderer in der Ferne. Es sah ziemlich trostlos aus. Tja, es war halt
gerade Ebbe und in sechs Stunden sollte das Meer ja wieder da sein. Also ging es
die Küstenstraße entlang bis nach Dorumersiel - zum ersten Fischbrötchen an der
Nordseeküste.
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Fotos zum Vergrößern
anklicken - © by www.grenzerfahrung-2010.de |
Erfreulich: Hier bei "Fisch Rinjes" kostet ein
frisches Fischbrötchen gerade mal zwei Euro - aber das Meer war immer noch weg.
Letztlich spielte das bei der Weiterfahrt allerdings auch keine besondere Rolle,
denn die Küstenstraße entpuppte sich als Fahrt entlang einer grünbewachsenen Wand - zur Linken
fuhren wir quasi immer an einem meterhohen Deich vorbei; es wäre also eh' nichts
zu sehen gewesen. Jetzt wurde uns auch allmählich klar, warum die Küstenstraße hier die "Grüne
Küstenstraße" heißt.
Zur Rechten gab's viele Pensionen, die sich mit Namen
schmückten wie "Haus Seeblick" oder "Hotel Meerblick" - dabei sehen die die
Nordsee auch nur bei Jahrhunderthochwassern, wenn das Wasser im Zimmer steht,
oder wenn sie selbst auf dem Dachfirst stehen. Also Achtung bei einer
Hotelbuchung via Internet: Wo Meerblick draufsteht, muss noch lange nicht
Meerblick drin sein...
Auch wenn es - "motorradkurventechnisch" -
immer noch ein wenig eintönig war, sind wir dann jede Ortschaft angefahren, die
auf "...-siel" endete. Ein Siel ist ein Tor im Deich, erklärte man uns später.
Oder andersrum: Die einzigen Möglichkeiten das Meer zu sehen, falls gerade keine
Ebbe ist. Am lebhaftesten wurde es in Carolinensiel, das dann auch schon zu unserem
Etappenziel Wittmund gehörte. Nostalgisch aufgebaute Raddampfer, Fischverkäufer
und Restaurants bestimmen das Bild von Carolinensiel.
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Pünktlich auf die Minute trafen wir im knapp
15 km entfernten
Wittmund auf dem Marktplatz ein, wo wir von Detlef Greek und Elka Ortgies
mit einem herzlichen "Moin" zum
Mittagessen im Ringhotel Residenz erwartet wurden. Das feine Stadthotel war auch
gleichzeitig unsere Übernachtungsstation für diese Etappe. Schön für
Motorradfahrer: Wir wurden gleich an der Rezeption gefragt, ob wir das Motorrad
in eine Garage stellen wollen.
Detlef wählte nach dem Einchecken für uns das
Essen aus. Die dann angelieferte Scholle war ein absoluter Genuß und
entschädigte für die weggebliebene Nordsee und die überwiegend gerade
verlaufenden Straßen. Helene sah es aber sogar insgesamt sehr positiv und meinte, dass diese
Gegend wohl genau das Richtige für Goldwing- oder Harleyfahrer sei; ein wenig
Route 66-Feeling in Norddeutschland.
Bei ein paar friesisch herben Jever erzählte
uns Detlef dann von der Gegend und der Geschichte Wittmunds. Interessant:
Wittmund und Umgebung wurde vom zweiten Weltkrieg nahezu verschont. Das Thema
Weltkrieg begegnete uns übrigens noch viele Male auf unserer Reise,
aber nicht immer so wie hier in Wittmund. Aktuell ist Wittmund und die
umliegende Region Harlingerland für die Zukunft gut gerüstet: Man schafft es
hier vorbildlich, vielfältige touristische Angebote, umfassenden Naturschutz und
profitable Hightech-Unternehmen unter "einen Hut zu kriegen".
Aber auch zwischenmenschlich klappt's: Was die Düsseldorfer für die Kölner
und die Rheinland-Pfälzer für die Saarländer sind, sind die Friesen für die
Ostfriesen - mehr noch: Es gibt sogar einen Verein zur Erhaltung der Feindschaft
! Die Ostfriesen in Wittmund nehmen sich und andere jedoch nicht so ernst wie es scheint,
denn ihr Stadtoriginal ist "Jan Schüpp" - eine Figur, die auf einer
Schaufel steht, also sich selbst auf die Schüppe nimmt...
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Aber die Wittmunder haben nicht nur Jan Schüpp,
den man als Brunnenfigur bestaunen kann, sondern sogar - als einzige Stadt in
Deutschland - einen Bundespräsidentenplatz und eine Art "Walk of Fame" - für
beides wurden die Handabdrücke von deutschen Bundespräsidenten und anderer
bekannter Persönlichkeiten in Lehm gebrannt und im Straßenpflaster verewigt.
Christian Wulff, bei seinem Handabdruck noch Ministerpräsident von
Niedersachsen, wird in Kürze "umgebettet" und kommt dann ebenfalls auf den
Präsidentenplatz. Dies alles kann man bei einem Rundgang durch die liebevoll
gepflegte Altstadt erkunden.
Wem das noch nicht reicht, für den bietet
Wittmund wahrhaftig Einzigartiges:
Das Ostfriesenabitur ! Nur hier in der
ostfriesischen Stadt Wittmund kann jeder das original Ostfriesen-Abitur
an einem Tag absolvieren. Gelernt und geprüft wird in den Fächern Straßenweitboßeln,
Padstockspringen, Kuhmelken, Teetrinken, Krabbenpulen und einige mehr - klar,
dass hier der Spaß im Vordergrund steht.
Zum Abschluß eines informativen und leckeren
Tages bekamen wir zur Erinnerung noch einen Wimpel des Wirtschaftsförderkreises Harlingerland überreicht und ein freundliches älteres Ehepaar, Urlauber aus dem
Münsterland, stopfte uns 40 Euro in die Sammeldose für die Krebshilfe.
Ach ja, was die fehlenden Kurven und Berge
betrifft, wurde uns trocken erläutert: "Uns Ostfriesen fehlt hier oben
straßenmäßig einfach eine Himmelsrichtung." Klar, Richtung Norden gibt's ja nur noch das Wasser...
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Unser Fazit:
Wittmund mit seinen
"Außenstellen" Carolinensiel und Harlesiel sind ein gelungenes Ziel für
einen Urlaub an der Nordsee mit vielen Attraktionen und
Wellnessangeboten. Klar, ein Motorrad-Kurvenparadies findet man hier
nicht vor, aber es gibt ja auch noch ein Leben abseits vom
Motorradfahren - oder man zollt dem Alter seinen Tribut und fährt
Goldwing oder Harley auf der norddeutschen Route 66.. ;-)
Eine ausführliche Beschreibung und viele
weitere Fotos von Wittmund und Umgebung wird es in unserem Bildband "Grenzerfahrung
2010" geben, der voraussichtlich im September erscheinen wird.
Materialien zur Planung:
Empfehlenswerte Links zum Thema:
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Texte: Ralf Voigt - Fotos: Helene
Voigt, Ralf Voigt
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